Wissenschaftlicher Sammelband, herausgegeben von Thomas Tinnefeld unter Mitarbeit von Ines-A. Busch-Lauer, Hans Giessen, Michael Langner, Adelheid Schumann. Saarbrücken: htw saar 2012. ISBN 978-3-942949-00-2.

Interkulturelles Lernen anhand von Migrantenliteratur

Yun-Young Choi (Seoul, Korea)


Abstract (English)
In the framework of German as a foreign language, the present paper discusses practical advantages of immigrant literature in terms of classroom texts in university language teaching. Immigrant literature offers foreign students not only texts which provide input at an appropriate language level but also a reflection on new critical perspectives. Due to its high correspondence to reality and the intellectual inspiration it generally provides, immigrant literature proves to be easily understandable and responds to students’ intellectual expectations. Another linguistic advantage of immigrant literature is that authors express themselves more overtly and more sensitively towards linguistic differences, mixtures and neologisms. This diction reflects their intercultural and interlingual experiences. Last but not least, the fact that students and immigrant authors share a foreign standpoint incites students to rethink ‘the Other’ positively and to formulate it in German.
Key words: Intercultural learning, immigrant literature, interlingual experiences

Abstract (Deutsch)
In dem vorliegenden Beitrag werden praktische Vorteile der Migrantenliteratur als Unterrichtstext im Hochschulbereich diskutiert. Für ausländische Studenten bietet die Migrantenliteratur eine geeignete Sprache und neue, kritische Perspektiven an. Sie erweist sich zunächst als sprachlich nicht sonderlich anspruchsvoll, ist leicht verständlich und befriedigt aufgrund der hohen aktuellen Realitätsbezüge und der intellektuellen Anregungen die Erwartungen der Studenten. Ihr weiterer sprachlicher Vorzug liegt darin, dass die Autoren der Migrantenliteratur sich offener und sensibler gegenüber sprachlichen Differenzen, Vermischungen und Neologismen verhalten, was ihre interkulturellen und interlingualen Erfahrungen widerspiegelt. Darüber hinaus teilen die Studierenden und die Autoren einen fremden Standpunkt. Dies regt die Lernenden an, das Fremde selbst positiv neu zu betrachten und in deutscher Sprache zu formulieren.
Stichwörter: Interkulturelles Lernen, Migrantenliteratur, interlinguale Erfahrungen



1   Einleitung

Der vorliegende Aufsatz nähert sich der Thematik des Fremdheitsdiskurses im Zusammenhang mit dem interkulturellen Lernen unter einer besonderen Perspektive. Aufgrund von Erfahrungen an einer koreanischen Universität werden die Vorteile des Einsatzes von Migrantenliteratur im Fremdsprachenunterricht unter vier Gesichtspunkten diskutiert. Zurzeit schreiben und veröffentlichen in Deutschland mehr als 400 Autoren, die nicht aus deutschsprachigen Ländern stammen, sich aber für die deutsche Sprache als literarisches Ausdrucksmittel entschieden haben. Im Verhältnis zur Gastarbeiterliteratur zeigen ihre Werke eine breitere Palette an Schreibstilen und Themen. Einige Autoren wie Özdamar, Zaimoglu und Tawada haben bereits in zeitgenössische Literaturgeschichten - wie in Barners Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart (Barner 1994: 997f) - Eingang gefunden.

Wenn man in Bezug auf Interkulturalität von dem Verstehen eines literarischen Textes spricht, denkt man in den meisten Fällen entweder an die allgemeine hermeneutische Verstehenssproblematik des Eigenen und Fremden, wie sie sich von Schleiermacher (1809: 10) herleitet, oder an Verständigung und Missverständnisse in der interkulturellen Kommunikation. In beiden Fällen wird die Fremdheit aus einer negativen Perspektive beleuchtet und im Prozess der Horizontverschmelzung oder nach einem erfolgreichen Kommunikationsvorgang beseitigt. In dem vorliegenden Beitrag werden - im Gegensatz zu solchen Ansätzen - Fälle diskutiert, in denen durch Hinzuziehung eines weiteren Fremden das interkulturelle Verstehen des Lesers erleichtert wird. Das heißt, es werden eher die Gemeinsamkeiten als die Differenzen des Fremden betont, jedoch weniger aufgrund der kulturinhaltlichen Gemeinsamkeiten als aufgrund der Gemeinsamkeiten der fremden Standpunkte. 


2   Sympathie oder Empathie für den fremden Blick

Vor diesem Hintergrund bietet es sich an, zunächst die Definition von Interkulturalität zu erläutern. Der Begriff Interkulturalität bezeichnet nach Yousefi

eine Theorie und Praxis, die sich mit dem historischen und gegenwärtigen Verhältnis aller Kulturen und der Menschen als ihrer Träger auf der Grundlage ihrer völligen Gleichwertigkeit beschäftigt. Sie ist eine wissenschaftliche Disziplin, sofern sie diese Theorie und Praxis methodisch untersucht. (Yousefi & Braun 2010: 124)

Wie man anhand dieser Definition ersehen kann, basiert das Modell der Interkulturalität auf der Gleichwertigkeit verschiedener Kulturen, und das Verhältnis zwischen den Kulturen ist besser als ein Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Anderen als zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu bezeichnen. Wenn man jedoch die Interkulturalitätstheorie auf den Fremdsprachenunterricht anwendet, ist es adäquater, das Verhältnis zwischen den Kulturen als ein Verhältnis zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu betrachten. Nicht nur weil der Lehrstoff - die fremde Sprache und fremde Zielkultur - für die Lernenden etwas Unbekanntes und Unvertrautes ist, sondern auch, weil er eher normativ wirkt. Die Leser sollen aufgrund eigener Vorkenntnisse und Erfahrungen in einem ständigen Dialog die Texte und Kontexte der fremden Vorlagen verstehen und sich so das Fremde aneignen. Der Fremdheitsdiskurs im Kulturverstehen wird in der Realität nicht immer in einem Verhältnis der Gleichwertigkeit entwickelt. Es handelt sich vielmehr um ein asymmetrisches Verhältnis zwischen den Kulturen.
Wenn man im Ausland für den Deutschunterricht Migrantenliteratur als Lehrstoff verwendet, kann man eine interessante Komplexität beobachten, die das dualistisch konzipierte Verstehensmodell des Eigenen und des Fremden erweitert und zuspitzt. Die Aspekte der Interkulturalität in der Migrantenliteratur sind unterschiedlich: Oft werden Austauschprozesse zwischen Kulturen oder interkulturelle Konflikte und Missverständnisse wie critical incidents bereits als Inhalt und Thema des Textes behandelt. Aus diesem Grund wird Migrantenliteratur bisweilen als interkulturelle Literatur bezeichnet. Die Art und Weise der textualen Fremdheit unterscheidet sich dabei: Die Autoren debütieren in vielen Fällen mit stark autobiographisch geprägten Schriften, etwa mit Erinnerungen an Kindheit und Jugend in ihrer Heimat, die sie verlassen haben. Das gilt zum Beispiel für Das Leben ist eine Karawanserei von Emine Sevgi Özdamar, Eine Hand voller Sterne von Rafik Schami oder Niederungen von Herta Müller. Die fremden Kulturen werden dem deutschsprachigen Leser unter den Aspekten der Selbstbehauptung der Autoren und des Fremdverstehens der Leser präsentiert. Obwohl eine Tendenz zur Exotisierung nicht vollkommen zu leugnen ist, wird im Blick der Autoren die eigene Heimatkultur in der Erinnerung in der Fremde reflektiert. Obwohl der Text den Anschein hat, einseitig die fremde Kultur darzustellen, fungiert er als Plattform für den Austausch der Kulturen. Ebenso oft werden die Schwierigkeiten der Kommunikation und Prozesse der Integration oder Assimilation in der Fremde - in diesem Fall in der deutschen Gesellschaft - dargestellt und ihr Erfolg oder ihr Misserfolg geschildert. Dabei werden den Studierenden die deutsche Kultur und die deutsche Gesellschaft mit anderem Inhalt, mit anderer Fokussierung und aus anderer Perspektive vermittelt.

Man könnte vermuten, dass solche Texte aus der Sicht koreanischer Studenten stark verfremdet erscheinen, da sie nicht nur die fremde deutsche, sondern zudem eine fremde türkische, syrische oder rumänische Situation behandeln. Jedoch nehmen die koreanischen Studenten im Gegenteil in diesem komplexen Verhältnis von Verfremdungen die Texte häufig als näher - manchmal als Thematisierungen ihrer eigenen Probleme - wahr, das heißt: Das Fremde wird in der Wahrnehmung und im Erkennen mit Mitleid und Sympathie betrachtet. Es geschieht häufig, dass die Leser Gemeinsamkeit mit den Autoren oder mit den Figuren in ihrer Rolle als etwas Fremdes empfinden. Wie Lessing in seiner Theorie über das bürgerliche Trauerspiel ausgeführt hat, ist durch die Betonung der bürgerlichen Tugend die Gattung nicht mehr für die Aristokraten, sondern für die Bürger als neues Publikum konzipiert (Lessing 1756: 24). Entsprechend entsteht in unserem Fall nun durch den gleichen Standpunkt Mitleid mit dem dargestellten Fremden. Im Unterricht empfindet man Sympathie und Solidarität. Dies erfolgt nicht nur in kognitiver Hinsicht, sondern auch in affektiver, und der Verständnisvorgang wird mit der Identifikation der Leser verzahnt.

Migrantenliteratur ist in diesem Sinne von der Leserperspektive her mehr oder weniger als eine Literatur der Betroffenheit zu bezeichnen, weil die Leser - wie die Autoren - die deutsche Gesellschaft und Kultur als etwas Fremdes beobachten und als ausländische Leser eine selbstbewusste Identitätsarbeit durchlaufen. Es ist interessant zu beobachten, dass die Fremdwahrnehmung bei der Lektüre von Migrantenliteratur nicht unbedingt vergrößert oder intensiviert wird, sondern umgekehrt, dass sie oft abgemildert und sogar entfremdet wird.


3   Diskrepanz zwischen intellektuellem und sprachlichem Niveau

Im Folgenden ist der praktische Nutzen der interkulturellen Literatur für den Fremdsprachenunterricht zu erläutern und zunächst eine kurze Beschreibung der koreanischen Lernsituation vorauszuschicken. Oft ist in der Unterrichtssituation zu beobachten, dass die gängigen Unterrichtsmaterialien von deutschen Verlagen trotz hoher didaktischer Standards und hoher didaktischer Qualität nicht auf die Lernenden im Ausland zugeschnitten sind. Dieses unvermeidbare Problem gilt ebenfalls für koreanische Lerner. Sie beginnen zur Zeit meist erst an der Hochschule - nicht wie früher im Gymnasium - die deutsche Sprache als zweite Fremdsprache zu erlernen. Das Problem der Lehrwerkentwicklung für die Hochschule wird im Hinblick auf die Mittelstufe besonders deutlich. Man geht heutzutage allgemein von der Annahme aus, dass in der Anfangsphase - bzw. auf dem Grundstufenniveau des Fremdsprachenunterrichts - die so genannten vier Kernkompetenzen, das Lesen, Sprechen, Hören und Schreiben, mit gleichem Gewicht betont und gefördert werden müssen. In der Regel werden in dieser Phase auf der Basis typischer Situationen der Alltagskommunikation der notwendige Wortschatz und die erforderlichen Satzstrukturen vermittelt. Für die Mittelstufe wird jedoch der Schwerpunkt der Kernkompetenzen je nach der Lernsituation viel differenzierter, und im Fall koreanischer Universitäten wird besonderer Nachdruck auf Lesen und Textverstehen gelegt. Einerseits liegt dies daran, dass in einem geographisch so entfernten Land wie Korea die Chancen für Alltagskommunikation auf höherem Niveau wenig realistisch sind. Das heißt, man ist weniger der Lebenswelt der deutschen Sprache ausgesetzt. Der Anteil des Dialogs nimmt im Textbuch allmählich ab und der Anteil der Lesetexte nimmt zu. Ab der Mittelstufe kann man feststellen, dass interessierte oder motivierte Studenten mit einer akademischen Zielsetzung bewusst Deutsch lernen und die Sprachkenntnisse an einem hohen Leseverständnis orientiert sind. Zudem wirkt in Korea die kulturelle Tradition immer noch in der Weise, dass aufgrund der langen konfuzianischen Einwirkungen auf den Fremdsprachenunterricht der Bildungsaspekt in den Vordergrund tritt. Dies ist etwa mit der bedeutsamen humanistischen Bildungstradition Europas zu vergleichen. Bildung umfasst nicht nur die Aufnahme kognitiven Wissens, sondern auch die Persönlichkeitsbildung. Am besten kann man dies an der Lehre von Konfuzius ablesen, die die Einheit von Wissen und Handeln voraussetzt und durch Bildung nach einem ganzheitlich gebildeten Menschen strebt. Dabei spielt das Lesen von lesenswerten, d.h. zur allgemeinen Bildung des Menschen beitragenden Texten, eine große Rolle. Literatur nimmt, abgesehen von ihren ästhetischen Qualitäten, immer noch eine zentrale Stellung als Lehrstoff für geistige Bildung ein. 

In diesem Kontext ist es besonders schwierig, für die Mittelstufe passende Lehrwerke zu finden oder neu zu entwickeln. Das niedrige Sprachniveau der Schüler, die erst mit der Grundstufe abgeschlossen haben, stimmt mit ihren intellektuellen Erwartungen an den Lehrstoff nicht überein. Früher wurden aus diesem Grunde oft Auszüge klassischer Texte ausgewählt und in didaktisierter Form angeboten. Die Titel der Mittelstufentexte lauten in einem in der Praxis eingesetzten Lehrbuch namens Wege zur Humanität der Seoul National University (2009) beispielweise wie folgt: Immanuel Kant, Faust als moderner Mensch, Friedenspolitik in unserer Zeit, Die Verantwortlichkeit des Wissenschaftlers, Gentechnik – Hoffnung oder Bedrohung?

In dieser Situation bietet die Migrantenliteratur in Bezug auf den Anspruch und das intellektuelle Niveau der Lernenden geeignete Inhalte und Formen. Unter anderem ist Migrantenliteratur oft sprachlich nicht so anspruchsvoll und relativ leicht verständlich. Trotzdem ist sie geistig aufschlussreich und prägnant sowie gesellschaftlich aktuell. Für Hung Gurst, einen aus Vietnam stammenden Autor, weist sein einfacher Schreibstil auf klare und konzentrierte Gedanken hin:

Manche glauben, es sei sehr schwer, in einer fremden Sprache zu schreiben, aber ich glaube das nicht. Das ist nicht so schwierig. Es sei denn, wenn man sich nicht bemüht, die Dinge einfach zu beschreiben; wenn man anfängt, kompliziert zu werden, dann wird es schwierig. Einfach zu schreiben ist eine Kunst. Man muß sich beherrschen können, man muß ein klares Bild haben, die verschwommenen Worte muß man weglassen. (Gurst 1998: 233)

Freilich trifft dies besonders für die Literatur der sogenannten ersten Migrantengeneration zu, die sich noch stark an der Kultur der Heimat orientiert und die deutsche Sprache und Kultur erst im Erwachsenenalter als Fremdes erlernt hat. Ihre Sprache bewegt sich in einem interkulturellen Raum. Die fremde Beziehung und das Spannungverhältnis zur deutschen Sprache werden in den Texten beibehalten. Die zweite Generation, die in der Fremde geboren wurde, fühlt sich mit ihrer so genannten kulturellen Lokalidentität sprachlich und kulturell eher den Einheimischen zugehörig und zeigt daher in Bezug auf die Identität große Differenzen zur Elterngeneration. Für sie ist die deutsche Sprache keine Fremdsprache, sondern Muttersprache, freilich oft mit starkem Gruppenakzent wie bei Kanak Sprak von Feridun Zaimoglu.

Gleichzeitig ist die Migrantenliteratur in Bezug auf den Inhalt anspruchsvoll und erfüllt die intellektuellen Erwartungen der Studenten. Die deutsche Gesellschaft und Kultur werden aus einer fremden Perspektive dargestellt. Nicht nur das reichhaltige kontextuelle Wissen in der Literatur, sondern auch die kritischen Blicke als Fremde interessieren die Studenten und lassen sie ernsthafter lesen. In dieser Situation erweist sich die Migrantenliteratur von einigen Schriftstellern als besonders geeignet für die Unterrichtssituation.

Ein Beispiel möge diesen Zusammenhang verdeutlichen: Die Sammlungen kurzer Prosatexte von Wladimir Kaminer sind durch ihren Humor und Witz, ihre leichte Stimmung, ihre Alltagssprache und ihre kritischen sozialen Beobachtungen gekennzeichnet. Ein weiterer Vorzug liegt darin, dass die Szenen, die Kaminer schildert, voll von Alltagsbeobachtungen sind und seine Sprache stark umgangssprachliche Züge hat. Dabei werden Belehrung und Unterhaltung gleichzeitig angeboten:

Anders als im meiner Heimatsprache kann man im Deutschen alle Worte zusammensetzen, Substantive mit Adjektiven verbinden oder umgekehrt, man kann sogar neue Verben aus Substantiven ableiten. Dabei entstehen völlig neue Redewendungen, die aber von allen sofort verstanden werden. Angangs experimentierte ich viel in der U-Bahn. Meine ersten Versuchskaninchen waren die Fahrausweiskontrolleure, die sich immer wieder gerne auf einen komplizierten Wortaustausch einließen. “Ihr Kurzstreckentarif ist nach einer Zwanzigminutenstrecke abgelaufen”, sagten sie zum Beispiel.
“Ich habe den Langstreckentarif nicht gefunden und wollte nur einmal kurzstrecken, habe aber die Ausstiegsgelegenheit leider verpasst”, antwortete ich. “Die können wir für Sie organisieren,” meinten die Kontrolleure, “steigen Sie bitte mit aus.”
Mit oder aus? Aus oder mit? Ich war begeistert von der Flexibilität und Sensibilität dieser Sprache. (Kaminer 2004: 14f)

Die sprachlichen Eigenschaften des Deutschen, die für ausländische Lerner besonders auffällig und schwierig erscheinen, werden nicht nur durch die Nachbildung langer, kompliziert konstruierter Neologismen wie „Langstreckentarif“ oder „kurzstrecken“, sondern auch durch die Infragestellung der Vorsilben und Präpositionen augenfällig angesprochen und in einer Situation, in der wohl eigentlich ein Bußgeld zu erwarten steht, mit Witz thematisiert.


4   Sensibilisierung des Sprachgefühls

Berücksichtigt man die Tatsache, dass der Deutschunterricht an koreanischen Hochschulen unter anderem als Sprachunterricht für Erwachsene konzipiert ist, interessiert und sensibilisiert die Migrantenliteratur die Lernenden hinsichtlich relevanter sprachlicher bzw. sprachwissenschaftlicher Aspekte, denn die Autoren thematisieren die Sprache selbst und machen gern Experimente mit der Sprache. Sie verhalten sich sensibler und offener gegenüber verschiedenen Phänomenen der Sprache wie Differenzen, Variationen, Mischungen oder Neologismen.

Hierbei sind drei Punkte als relevant zu erwähnen. Erstens ist es interessant, dass die Lernenden als Erwachsene die Fremdsprache bewusster, kontrastiv und kontextualisierend erwerben. Das unterscheidet ihr Lernen von der Primäraneignung der Muttersprache, die man als Kind mimetisch durchmacht. Die Lernenden befinden sich nun in der Situation, den bekannten, d.h. bereits benennbaren Phänomenen der Welt gegenüberzustehen, sie aber neu zu bezeichnen und sich in diese neue, fremde sprachliche Umgebung einzuleben. Die Migrationsschriftsteller stellen diese Situation des Öfteren dar, was die Lernenden als sehr vertraut empfinden, da sie gerade im Fremdsprachenunterricht dasselbe erleben. Yoko Tawada schreibt diesbezüglich in der Erzählung Von der Muttersprache zur Sprachmutter:

In meinem ersten Jahr in Deutschland schlief ich täglich über neun Stunden, um mich von den vielen Eindrücken zu erholen. Jeder normale Büroalltag war für mich eine Kette rätselhafter Szenen. Wie jede andere, die in einem Büro arbeitet, war ich umgeben von verschiedenem Schreibzeug. Insofern wirkte meine neue Umgebung auf mich zuerst nicht so fremd: Ein deutscher Bleistift unterschied sich kaum von einem japanischen. Er hieß aber nicht mehr «Enpitsu», sondern «Bleistift». Das Wort «Bleistift» machte mir den Eindruck, als hätte ich jetzt mit einem neuen Gegenstand zu tun. Ich hatte ein leichtes Schamgefühl, wenn ich ihn mit dem neuen Namen bezeichnen musste. (Tawada 1996:9)

Die neue sprachliche Umgebung ermüdet die Erzählerin nicht nur, sondern stellt auch kognitiv und emotional neue Verhältnisse zwischen Sprache und Umwelt her.

Zweitens verhalten sich die Schriftsteller der Migrantenliteratur besonders sensibel gegenüber Sprachdifferenzen und Sprachpluralitäten und gewinnen ihre Stärke aus interkulturellen Erfahrungen. Die interkulturellen und interlingualen Erfahrungen werden positiv eingeschätzt und lösen das Monopol bzw. die normativ geltenden Grenzen der Sprachstandards auf. Sprachliche Phänomene werden oft unter vergleichenden Aspekten beobachtet und diese Interessen teilen die Lernenden ebenfalls. Özdamar stellt diese Situation am Anfang ihrer Erzählung Mutterzunge dar:

In meiner Sprache heißt Zunge Sprache. Zunge hat keine Knochen, wohin man sie dreht, dreht sie sich dorthin. Ich saß mit meiner gedrehten Zunge in dieser Stadt Berlin. (Özdamar 1990:9)

Die Autorin eröffnet einen Zugang zu den nicht singularen Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache und regt die Leser so zum Nachdenken darüber an, dass die Zunge ebenfalls für die Sprache benutzt werden kann. Wenn die Zunge einmal im Text genannt worden ist, werden weitere damit verbundene Assoziationen und Bilder aufgerufen. Nicht nur im Türkischen, sondern auch in vielen anderen Kulturen bezeichnet die Zunge metaphorisch die Sprache. Die intersprachlichen sowie interkulturellen Erfahrungen lassen die fremden Leser weiter darüber nachdenken, wie die Sprache in ihrer Muttersprache bezeichnet wird. Die Normgrenzen und Akzeptablitätsgrenzen der Sprache werden erweitert, und dies bedeutet für die Lernenden im Ausland eine befreiende Erfahrung. In diesem Fall handelt es sich um das nahe Fremde im Vergleich zu dem fernen Fremden oder mit der Formulierung von Simmel: Im Begriff des Fremden existiert auf diese Weise immanent ein Element, das den einheitlichen Dualismus des Nahen und Fernen durchkreuzt und in eine neue Verbindung bringt. Simmel sagt, dass der Fremde derjenige sei, der „heute kommt und morgen bleibt“ (Simmel 1908: 509).

Besonders interessant erscheint die Überlegung von Yoko Tawada für koreanische Leser, da sie die Unterschiede zwischen dem Japanischen und dem Deutschen, zwischen der Zeichenschrift und dem Alphabet thematisiert. Obwohl das Koreanische - anders als das Japanische - über ein Alphabetsystem verfügt, gehört es wie das Japanische zu dem asiatischen Kulturkreis der chinesischen Zeichen, und so sind Tawadas Überlegungen zu den Gemeinsamkeiten und Differenzen sehr motivierend.

Drittens tragen Reflexionen über die Sprache zum weiteren Nachdenken über die  Muttersprache oder die Sprache überhaupt bei. Nicht nur das eigene Sprachrepertoire wird hinsichtlich Wortschatz, Denkweisen oder Wertvorstellungen bereichert. Die Lernenden öffnen sich kritisch gegenüber der eigenen Muttersprache und betrachten die eigene Sprache und die darin enthaltene eigene Kulturtradition unter einer relativierenden Perspektive. Franco Biondi, der aus Italien stammt, aber seine Literatur nur auf Deutsch verfasst, beschreibt seine Erfahrung in einem Interview mit dem Titel Im Labyrinth der Herkunft:

Man kann sich in eine Sprache hineinfühlen, hineindenken, höchstens sich ihr annähern; aber ich erlebe die Beziehung zur Sprache als brüchig, als unbeständig, und deswegen ist es ein ständiges Hin und Her innerhalb einer Sprache. Man kann sich ein vorläufiges, aber kein dauerhaftes Zuhause errichten. Deswegen dieses Gefühl der Fremde auch in der Sprache. Ich denke, an diesem Punkt gibt es keinen Unterschied zwischen dem Italienischem und dem Deutschen. Im Prinzip geht es auch den Eingeborenen, den Einheimischen so, aber es ist ihnen nicht bewusst. Sie verlassen sich darauf, dass es eine scheinbare Sicherheit in der Sprache gibt. Aber wenn man anfängt zu ironisieren, wenn ich anfange, Unsicherheiten in die Sprache einzustreuen, dann würde man merken, dass selbst Einheimische plötzlich verunsichert sind. (Biondi 1998: 145f)

Die echte Interkulturalitätserfahrung gestattet es den Lernern, plurale Kulturen zu akzeptieren, und macht dabei nicht nur das Fremde eigen, sondern auch das Eigene fremd. Das eigentliche Charakteristikum der Sprache, das Muttersprachler oft beim automatisierten Denken vergessen, ist die Tatsache, dass die Sprache ein fremdes und kulturell erworbenes Medium ist. Krämer vermerkt, dass das Medium bei einer Störung seine Existenz offenlegt, während es in der perfekten Funktion nicht sichtbar ist (Krämer 1974).

Andersheit liegt nicht nur in der fremden Sprache, sondern in der Sprache selbst. Wenn der Ansatz der critical incidents das Ziel hat, durch Darlegung und Diskussion unverständlicher oder missverständlicher Situationen diese verständlich zu machen und interkulturelle Kompetenzen zu erhöhen, wird durch den Einsatz der Migrantenliteratur angestrebt, die Fremdheit selbst positiv zu bewerten und doch dasselbe Ziel zu erreichen.


5   Motivation zum interkulturellen Schreiben

Fremdsprachenlerner vertreten häufig die Ansicht, dass eine Fremdsprache ein Gegenstand sei, der beherrscht oder erobert werden soll, und dass ausländische Lerner nie das Niveau von Muttersprachlern erreichen können. Ausgehend von dieser psychologischen Vorannahme und dem damit verbundenen Druck, kommen sie zu dem Schluss, dass sie in einer fremden Sprache nie fehlerfrei sprechen oder schreiben können und niemals dem hohen Niveau der schönen Literatur gewachsen sein werden. Die Schreibkompetenz wird von koreanischen Lernenden oft als die beim Lernen einer europäischen Fremdsprache am schwierigsten zu erwerbende Kompetenz empfunden. Im Fremdsprachenunterricht ist daher nicht nur über die sprachliche, sondern auch über diese psychologische Barriere zu diskutieren, denn für koreanische Studenten erscheint die Demotivierung aus dem letzteren Grunde viel relevanter. Die Migrantenliteratur zeigt dagegen Beispiele dafür, dass es auch möglich ist, in einer fremden Sprache zu denken und zu schreiben.

Es ist bemerkenswert, wenn diesbezüglich Volkmann auf die Forderung aufmerksam macht, wichtige Werke postkolonialer Autoren zur universitären Pflichtlektüre zu machen. Diese Fiktionen erscheinen:

nicht allein aufgrund ihrer hohen literarischen Qualität und des entsprechenden Komplexitäts- und Ambiguitätsgehaltes [als] wertvolles Instruktionsmaterial. Sie stellen darüber hinaus genuine Binnenperspektiven aus fremden Kulturräumen zur Verfügung, entfalten oftmals emblematisch Kulturkonflikte ihrer geographisch-sozialen Sphäre und laden schließlich durch ihren Verweis auf den transnationalen, globalen Charakter der dargestellten Szenarien zur Stellungnahme und Auseinandersetzung durch den europäischen Leser ein. (Volkmann 2010: 337)

Dieser Ansicht liegt ein ungleichwertiges Machtverhältnis hinsichtlich der bisherigen Textauswahl im Namen der Klassik oder der Weltliteratur zugrunde. Das kann zwar prinzipiell für jede Situation im Fremdsprachenunterricht gelten und wird dann besonders deutlich, wenn zwischen den Bezugsländern ein politisches oder wirtschaftliches Ungleichgewicht besteht. Bei der Lektüre interkultureller Texte kann jedoch diese wirklichkeitsbezogene und psychologische Belastung auf studentischer Seite deutlich abgemildert werden.

Darüber hinaus stellt die Existenz der Migrantenliteratur für die Studenten ein lebendiges Beispiel dafür dar, dass es möglich ist, in einer fremder Sprache Literatur zu verfassen. Das Verhältnis zwischen dem Verstehenden und dem zu Verstehenden erweitert sich durch die Interferenz der Perspektive der fremden Autoren zu einem Dreiecksverhältnis. Die Lektüreerfahrung der Migrantenliteratur motiviert, ermutigt und ermuntert die Lernenden, selbst in der Fremdsprache Texte - auch literarische Texte - zu verfassen. Das Verständnis für die deutsche Literatur verwandelt sich: Die deutsche Literatur wird von der Literatur der Deutschen zu der Literatur der Deutsch schreibenden Schriftsteller. Häufig thematisieren die literarischen Stoffe die Situation des Fremden, und die Studenten werden sich ihrer eigenen interkulturellen Erfahrungen bewusst und verbalisieren sie. Auf diese Weise gewinnt das Deutsche in Bezug auf die Ausdrucksmittel im weiteren Sinne eine größere Bedeutung.


6   Abschließende Bemerkungen

The man who finds his homeland sweet is still a tender beginner; he to whom every soil is as his native one is already strong; but he is perfect to whom the entire world is as a foreign land. (Said, 1997:259)

Beim interkulturellen Lernen wird die Fremdheit im Verständigungsvorgang zwar vermindert, aber nicht beseitigt. Vielmehr sollte versucht werden, die Fremdheit unter verschiedenen Blickwinkeln positiver zu betrachten und anders zu verstehen. Die als Lehrstoff verwendete Migrantenliteratur bietet den ausländischen Lesern - indem sie andere, aber genuine Umstände beschreibt und ähnliche Standpunkte bewusst macht - die Möglichkeit, einen Wesenszug der Fremdheit zu erkennen. Durch die Akzeptanz der Fremdheit werden das interkulturelle Lernen und die Fähigkeit, die fremde und die eigene Kultur aus einer gewissen Distanz zu verstehen, gefördert.




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